Regimekritiker Ahmed Batebi, 31, über seine spektakuläre Flucht aus TeheranSPIEGEL: Sie wurden weltbekannt durch ein Foto, auf dem Sie 1999 während einer Studentendemonstration ein blutiges T-Shirt hochhalten. Jetzt werden Sie in Ihrer neuen Heimat USA als Galionsfigur des iranischen Widerstands gefeiert.
Batebi: Ich sehe mich nicht als Studentenführer. Auch damals zählte ich nicht zu den Organisatoren der Protestbewegung. Ich war nur ein einfacher Student. Aber wie viele andere hatte ich Kontakt zu verschiedensten Gruppierungen. Bei einigen Veranstaltungen habe auch ich das Wort ergriffen.
SPIEGEL: Warum zeigten Sie das T-Shirt?
Batebi: Ich wollte meine Kommilitonen auf dem Campus der Universität Teheran vor der Brutalität der Sicherheitskräfte warnen. Die schossen einfach in die Menge. Das Hemd stammte von einem Studenten, den eine Kugel getroffen hatte. Erst vor Gericht habe ich von dem Foto erfahren.
SPIEGEL: Sie wurden zum Tod verurteilt.
Batebi: Ich hatte keine Chance. Nach monatelanger Isolationshaft wurde mir in drei Minuten der Prozess gemacht, mit verbundenen Augen. Mein Urteil schien von Anfang an beschlossene Sache zu sein. Später wurde das Strafmaß auf 15 Jahre reduziert.
SPIEGEL: Wurden Sie gefoltert?
Batebi: Man wollte mich zu einem falschen Geständnis zwingen. Ich sollte vor laufender Kamera bekennen, dass die Blutflecken auf dem T-Shirt von einem Tier stammten. Das wollten sie mit meiner Reue-Erklärung im Staatsfernsehen zeigen. Weil ich mich weigerte, schlugen sie mir in die Hoden und traten mir ins Gesicht. Zweimal führten sie mich zum Galgen. Das erste Mal legten sie mir die Schlinge um den Hals und ließen mich mit einer Augenbinde da stehen, bis ich vor Angst bewusstlos wurde. Das zweite Mal sollte ich vor dem Galgen auf meine Hinrichtung warten, während sie zwei Mithäftlinge vor meinen Augen hängten. Ich war immer am Rande des Wahnsinns. Nach mehreren Zusammenbrüchen erlitt ich schließlich einen Schlaganfall.
SPIEGEL: Um sich behandeln zu lassen, erhielten Sie Hafturlaub, den Sie zur Flucht nutzten.
Batebi: Ich brauchte drei Tage bis zum Nordirak. Kurden halfen mir durch die Minenfelder, während iranische Grenzer schossen. Mit Hilfe von Schleusern schlug ich mich zum Uno-Büro für Flüchtlinge in Arbil durch.
SPIEGEL: Es gibt das Gerücht, man habe sie bewusst laufen lassen.
Batebi: Das soll nur die iranische Bevölkerung irreführen. Richtig ist das Gegenteil. Die Sicherheitsbehörden waren mir sofort auf den Fersen. Auf dem Handy, das mir Uno-Leute im Irak gaben, erhielt ich sogar einen Drohanruf aus Teheran: Sie wüssten, wo ich sei. Ich solle mich besser gleich stellen.